KI-Innovationen (für KMU) made in CH

Impressionen einer Rundreise

Das Schweizer Außenamt lud vom 25. bis 27. Februar 2025 eine österreichische Delegation ein, um den KI-Standort Schweiz zu erkunden.

Autor: Tassilo Pellegrini (Co-Leiter Institute for Inovation Systems) 

Die Schweiz geht ihren eigenen Weg. Das trifft auch auf den KI-Standort zu. Historisch gewachsene politische Strukturen, die stark von Lokalität und Mitbestimmung geprägt sind, treffen auf eine potente, durch (vorrangig amerikanische) Konzerne geprägte IT-Landschaft. Diese Public-Private-Partnership-Modelle prägen die Innovations- und Technologiepolitik. Diese Modelle sind inspirierend, lassen sich jedoch außerhalb der Schweiz nur eingeschränkt übertragen.

Gleich vorweg: Die Reise war hervorragend organisiert, das Programm ausgewogen und die Schweizer Gastfreundlichkeit kaum zu übertreffen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an das Eidgenössische Department für auswärtige Angelegenheit und unser Reisebegleiter*innen Ina Gruber, Jonas Baumann und Regula Bubb.

Tag 1 (25.02.2025)

Der erste Tag brachte uns an den Regierungssitz in Bern. Dieter Tschan, E-Government-Beauftragter der Schweizer Eidgenossenschaft, stellte die Schweizer Digitalisierungsstrategie vor, gefolgt von einer umfassenden Präsentation der Innovations- und Förderagentur Innosuisse durch Geschäftsführer Tom Russi. Die beiden Vorträge waren eine wichtige Verständnisgrundlage zur Einordnung der Schweizer Technologie- und Innovationspolitik und alle darauf aufbauenden Maßnahmen.

Take-Away

Die Schweizer Innovations- und Technologiepolitik fußt auf dem Konzept des Public-Private-Partnerships sowie einer starken Marktorientierung bei der Setzung von Förderschwerpunkten. Die staatlichen Förderanteile für angewandte F&E sind im Vergleich zu Österreich signifikant niedriger und dem österreichischen Modell entgegengesetzt. Der öffentliche Förderanteil liegt im Schnitt zwischen 20% bis 40%, wobei der Rest durch private Mittel kompensiert wird. Entsprechend ist das Kooperationsgefüge zwischen Unternehmen, Hochschulen und Universitäten wesentlich dichter ausgeprägt und strukturell verankert, als wir dies in Österreich kennen.

Tag 2 (26.02.2025)

Den Vormittag verbrachten wir an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Campus Olten, mit Lightning-Talks zu aktuellen Projekten rund um den praktischen Einsatz von KI. Die Bandbreite reichte von anwendungsorientierten Forschungsaspekten bis zu Feasibility- und Implementierungsfragen in Sektoren wie Gesundheit (LLMs zu Generierung von Krankenhaus Austrittsberichten), Transport (KI-gestützte Gepäckkontrolle) und Bauwesen (KI-gestützte Angebotserstellung). In allen Fällen war der Fokus stark praxisorientiert und hatte (meist) einen konkreten Prozessbezug.

Take-Away zum Vormittag

Die Hochschulforschung zu KI ist stark anwendungs- und prozessbezogen, geht aber oftmals nicht über Machbarkeits- und Implementierungsstudien hinaus. Der Fokus liegt auf Transferorientierung, der Rückbezug zur Grundlagenforschung bzw. die Weiterentwicklung generischer Technologiekonzepte ist im Vergleich zu österreichischen Hochschullandschaft geringer ausgeprägt, die auch in der Grundlagenforschung wichtige Beiträge leistet.

Am Nachmittag besuchten wir den TechnoPark / AI Startup Hub der Greater Zurich Area. Spätestens hier wurde klar, dass der KI-Standort Schweiz mit all den dort angesiedelten internationalen Technologie-Konzernen in einer anderen Liga spielt. Branchengrößen wie Google, Meta, IBM, Microsoft und Anthropic haben sich hier angesiedelt und betreiben dort Innovationszentren, erhalten Zugang zu Talent und Expertise bzw. profitieren reziprok von den vergleichsweise vielen Neugründungen, die insbesondere dem universitären Umfeld entspringen.

Take-Away zum Nachmittag

Dies ist ein funktionierendes Beispiel eines Innovationsökosystems bestehend aus Corporates, Startups und eidgenossenschaftlich / kantonal gestützten Wirtschaftsförderungsmaßnahmen. Das zugrundliegende Mindset der handelnden Akteure lässt sich grob als techno-libertär beschreiben und ist damit hervorragend an den entrepreneurial spirit US-amerikanischer Prägung anschlussfähig. Ob dies ein nachhaltiges Erfolgsmodell sein kann, bleibt fraglich. Die Betreiber resümieren selbstkritisch: Viele unserer Startups sind viel zu lange am Markt bzw. wachsen zu langsam.

Tag 3 (27.02.2025)

Den letzten Tag verbrachten wir am AI Center der ETH Zürich. Dieser wurde abgerundet mit einer Exkursion zur URMA AG, einem Spezialhersteller für Fräsetechnik, welche KI-gestützte Bilderkennung zur Qualitätssicherung einsetzt. Um gleich die Dimensionen der KI-Forschung an der ETH zu klären: Am ETH AI Center forschen derzeit über 120 Professor*innen aus 16 Departementen (Instituten) der ETH Zürich und über 1500 Doktorand*innen und Postdocs, welche aus unterschiedlichen Disziplinen zum Fachbereich KI forschen.

Der Forschungsansatz ist betont interdisziplinär, d.h. Forschende bringen neben einer Domänenexpertise (z.B. Life Sciences, Material Sciences, Social Sciences) eine fundierte computerwissenschaftliche Expertise mit und arbeiten gemeinschaftlich und disziplinenübergreifend an Lösungen. Die Forschungsgruppen sind vergleichsweise groß, und die Rückbindung an Corporates ist tief strukturell verankert. PhDs werden auch bei Ausgründungen aktiv unterstützt bzw. sehen dies nicht zwingend in Widerspruch zu ihrer akademischen Arbeit, zumal auch die Laufbahnmodelle spannende Möglichkeiten für temporäre Unterbrechungen und einen Wiedereinstieg in die (akademische) Forschung erlauben.

Take-Away vom Vormittag

Die ETH betreibt KI-Spitzenforschung, was durch die Kombination aus hervorragender KI-Infrastruktur (ALPS Supercomputer Cluster), Corporates und flexible Laufbahnmodelle begünstigt wird. Die Dimensionen sind im Vergleich zum Standort Österreich atemberaubend, insbesondere was die verfügbaren finanziellen Mittel betrifft. Doch auf Nachfrage zeigt sich, dass auch die Schweizer Spitzenforschung „nur“ mit Wasser kocht und die Exzellenzstrategie ihren Preis hat (Themenprimate, Finanzierungszwänge, technologische Abhängigkeiten). Bemerkenswert ist, dass die Erforschung der Nachhaltigkeitsaspekte von KI (Green AI) kaum eine Rolle spielt und bestenfalls stiefmütterlich behandelt wird, und dies trotz des Eskalationspotenzials durch Rebound-Effekte des KI-induzierten Energiebedarfs. Dessen sind sich auch die Betreiber bewusst.

Der Nachmittag brachte uns zur URMA AG, einem spezialisierten Hersteller für Fräsetechnik und exportorientierten, mittelständischen „hidden champion“. URMA nutzt KI-gestützte Verfahren der Bilderkennung zu Qualitätssicherung und Reduktion des Produktionsausschusses. Die dabei zur Anwendung kommende Lösung wurde gemeinsam mit der örtlichen Fachhochschule entwickelt und getestet und ist eine Komponente in der Digitalisierungsstrategie des Unternehmens, die sehr pragmatisch ausgerollt wird. Das URMA-Beispiel illustriert, wie auch der Mittelstand von prozessunterstützender KI profitieren kann, wobei auch angemerkt wurde, dass die Vorteile des Technologieeinsatzes sich nur dann einstellen, wenn sich das Unternehmen auch personell und kulturell weiterentwickelt.

Take-Away zum Nachmittag

Vorteile durch Technologieeinsatz stellen sich nicht automatisch ein. Es braucht vorerst die Vision und das Commitment durch das Management, sowie die Veränderungsbereitschaft der Belegschaft. Nur wenn beides gut zusammenspielt, kann man die Früchte auch ernten.

Fazit

Das Motto der Reise „KI-Innovation für KMU“ wurde nur bedingt erfüllt. Dennoch bekamen wir einen spannenden Einblick in den KI-Standort Schweiz mit der Erkenntnis, dass sie dieselben Fragestellungen bearbeiten, mit denselben Methoden arbeiten und wir dieselben Herausforderungen teilen. Die Übertragung des Schweizer Modells auf Österreich ist bestenfalls bedingt möglich, zumal dieses auf historisch gewachsenen Strukturen basiert. Lernen und profitieren könnten wir in Österreich von den flexibleren akademischen Laufbahnmodellen, die es ermöglichen, Forschung und Unternehmertum besser miteinander zu verknüpfen. Letztlich stehen auch die Schweizer vor denselben Herausforderungen – sie kochen lediglich mit „Gletscherwasser“.

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FH-Prof. Mag. Dr. Pellegrini Tassilo

FH-Prof. Mag. Dr. Tassilo Pellegrini

Institutsleiter Institute for Innovation Systems Department Digital Business und Innovation